17/02/18

ANKERSCHMERZ, Straßengeschichten: Spuren im Gesicht

Es gibt einen Grund, warum ich meinen Bart so wachsen lasse. Ich verstecke damit eine Beule in meinem Gesicht. Manchmal ist sie so dick wie ein Tischtennisball. Meine Ohrspeicheldrüse ist seit Jahren entzündet und hat alles kaputt gemacht. Die Drüse muss entnommen werden, sagt mein Arzt. Die Straße hat Spuren hinterlassen.

Immer wieder taste ich die Stelle ab. Ich spüre ein starkes Pochen, das auf mein Ohr drückt manchmal bis zum Auge ausstrahlt. Ich kaue ständig und bewege meinen Kiefer, um den Druck auszugleichen. Ich lebe mit einer Entzündung im Kopf.

Die Straße hat Spuren hinterlassen

Das erste Mal hat ein Arzt, der umsonst Menschen ohne Krankenversicherung behandelt, mein Ohr untersucht. Seine mobile Praxis ist für schwierigere Fälle nicht ausgestattet. Die Antibiotika lassen die Schwellung zumindest für eine Zeit lang verschwinden.

Ich nahm meine Gesundheit lange viel zu selbstverständlich. Besonders wird es mir bewusst, wenn ich jemanden sehe, dem es sehr schlecht geht. Ich sollte mehr auf meinen Körper achten. Die Beule stört mich vor allem aus einem Grund: Andere können sie sehen. Mir geht es wieder mehr um meine Eitelkeit. Um das Aussehen. Nicht um die Sorge, dass die Entzündung in mein Blut gelangen könnte und ich eine lebensgefährliche Blutvergiftung bekomme, so hat es der Doktor gesagt.

Post von der Krankenkasse

Ich ging weiter zum nächsten Arzt. Doch wurde nirgendwo untersucht. „Keine Krankenversicherung“, war die Begründung der Arzthelferin an der Rezeption. Ich bin in die Notaufnahme gegangen. Ich sollte das Ohr „von außen nach innen massieren“ und „saure Sachen“ zu mir nehmen. Damit wurde ich entlassen.

Titelseite der Hamburger Morgenpost, 11. Januar 2018

Das ging mir mit meinem Ohr so. Das ging mit meinen Zähnen so, die entweder ausgeschlagen oder verfault waren. Erst über einen guten Freund kam ich zu einem Zahnarzt, der mich behandelte. Die Spuren der Straße.

Nun bekam ich Post von der Krankenkasse. Sie fordert eine Rückzahlung von fast 5000 € aus der Zeit in der Straße. Obwohl ich nie eine Leistung für irgendetwas erhielt! Inzwischen hat das Hauptzollamt den Fall übernommen und droht mit Gerichtsvollzieher und Vollstreckungsbescheid. Jedes Telefonat wird blockiert und weil diese Forderung offen ist, kann ich mich nicht versichern. Meine Medizin zahle ich auf Privatrezept. Zum Glück habe ich die Leute von Ankerherz, die mich bei solchen Angelegenheiten unterstützen. Mit ihnen komme ich weiter. Der nächste Weg führt mich zum Einwohnermeldeamt. Dort werde ich versuchen, meine Obdachlosigkeit belegen zu lassen. Vielleicht hat die Krankenkasse dann ein Einsehen.

Dominik Bloh, Jahrgang 1988, lebte elf Jahre lang immer wieder auf den Straßen von Hamburg. Gerade erschien sein Buch darüber: Unter Palmen aus Stahl, überall im Buchhandel und versandkostenfrei hier im Shop.

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